Triumph des Künstlichen – Bürgerlich ist, wer niedrig denkt – Ye Zal

Triumph des Künstlichen – Bürgerlich ist, wer niedrig denkt
Patrick Buisson (franz. Journalist):
„Beginnt die bürgerliche Revolution mit der Renaissance? Mit der Reformation? Der Aufklärung? Eins ist auf jeden Fall gewiß: Sie ist zunächst eine Revolution der Mentalitäten. Diese geht der politischen Revolution voraus, denn die Machtergreifung ist immer nur eine Ratifizierung. Das bürgerliche Denken ist eine Ausgeburt [John] Lockes und des angelsächsischen Utilitarismus, von dem Joseph de Maistre sagte, er sei durchdrungen vom »Mief eines stickigen Krämerladens«, während die Aufklärung nur sein Nebenprodukt ist. Auf den Punkt bringt dies [Gustave] Flauberts Aussage:
»Bürgerlich nenne ich den, der niedrig denkt.«
Niedrig denken heißt, die Metaphysik auf die Physik zu reduzieren. Niedrig denken heißt im Grunde genommen, gar nicht zu denken, wenn jegliches Denken, wie Tolstoi behauptet, von Natur aus theologisch ist, insofern ihm die Beschäftigung mit den letzten Dingen, Tod, Gott und Ewigkeit, zugrunde liegt.
Das 20. Jahrhundert war einerseits das Jahrhundert der »Beschleunigung der Geschichte« – so formulierte Daniel Halévy eine Einsicht, die dem entspricht, was die Veden als »Sturz der Zeiten« kennen; andererseits war es das, was René Guénon die Heraufkunft des Reichs der Quantität nennt, also die Umkehrung des Verhältnisses von Oben und Unten. Wenn wir nur noch mit dem QUANTUM argumentieren, unterscheiden wir nicht mehr zwischen Madonna und der Madonna, zwischen Gay Pride und Karfreitagsprozession, zwischen einer Kathedrale und einem Atomkraftwerk oder, wie weiland Roland Barthes, zwischen einem Gedicht von Baudelaire und einem Apothekenflyer.
Die »Fünfzehn Jammerjahre« (1960-1975), die ich in »Das Ende einer Welt« beschreibe, sind Dreh- und Angelpunkt im Beschleunigungs- und Verstärkungsprozeß, der aus dem homo oeconomicus das Zielmodell des menschlichen Abenteuers zu machen beabsichtigt. Die Boomergeneration – das sind (mit einem Ausdruck von François Hollande) die Fußgänger des Mai 68 – wuchs im prometheischen Traum von einer gewissen Unsterblichkeit, unermeßlicher Macht und der Kontrolle über das Leben auf, einem Traum, der genährt wurde von der stark gestiegenen Lebenserwartung, der allgemeinen Zunahme des Wohlstands und den Fortschritten der Wissenschaft. Daher kommt auch das, was Paul Yonnet die »Entfesselung der Ich-Kräfte« genannt hat:
Diese zertrümmert die alte katholische, allumfassende Kultur und fördert das infantile Verhalten der Jugend als Lebensart und Antriebsfeder der Marktideologie. Ab da gelingt es dem Markt, das Sakrale abzuräumen, indem er ein kohärentes Projekt zur Zerstörung der spirituellen Substanz des Menschen und der antiken, aristokratischen Konzeption auf die Beine stellte, einer Konzeption, welche – mit einem Wort Solschenizyns – den Menschen als Bestimmung das Streben vorgeschrieben hatte, »aus diesem Leben als höhere Wesen zu scheiden als die, die sie waren, als sie es bei ihrer Geburt betraten«. Das glatte Gegenteil der Moderne, die man als unerbittliche Herabsetzung allen menschlichen Strebens, als ein fortgesetztes Abrutschen definieren kann.
[…]
Im Gegensatz zum alten ländlichen Universum ist die moderne Welt die Welt der Künstlichkeit par excellence. Keine moderne Erfindung – dies bemerkte bereits Gustave Thibon – ist in Poesie übersetzbar, keine technische Neuerung bietet eine symbolische Analogie für ein Gleichnis. Es ist nur folgerichtig, daß heute diese Welt von der »Künstlichen Intelligenz« gekrönt wird, bei der das Adjektiv offensichtlich die Verneinung dessen darstellt, was es bestimmt. Es handelt sich, mit anderen Worten, um den Triumph des Künstlichen und die Niederlage der Intelligenz. In weniger als einem halben Jahrhundert sind wir aus einem von Symbolen bevölkerten Universum in eine Welt ausgewandert, die von Fälschung und Parodie dominiert wird.
[…]
Was wir hier angeblich [gegen den Islam] verteidigen sollen, ist nicht die traditionelle Kultur des Abendlandes, es ist eine Unkultur, die wir meistens nicht als das erkennen, was sie ist, und auch nicht beim Namen nennen, den sie verdient. […] Wer wollte denn schon für eine Regenbogenfahne sterben?“
———
📖 Quelle:
«Sezession» (Ausgabe 104, Oktober 2021, S. 48 ff., Patrick Buisson und Alain de Benoist im Gespräch; Auszug)

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22. Januar 2022

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